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30.05.2013

Hoeneß‘ FaIl

Der Fall des Steuerbetrugs von Hoeneß wird wegen des großen öffentlichen Interesses in voller Breite in den Medien diskutiert. Ich nutze diesen konkreten Anlass um beispielhaft über die Idee von gerechten Steuern, und das Empfinden des Menschen gegenüber Steuern zu diskutieren. Konkret gibt es zwei Fragen zu klären: Was ist ein gerechtes Steuersystem, und wieso gehen Super-Reiche das Risiko ein, in den Knast zu wandern?

Der mutige und psychopatische Finanzjongleur


Hoeneß ist ein Macher; Jemand der unternehmerischen Mut zeigt und sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruht. Er hat die uneingeschränkte Gier nach Erfolg, und den Drang, es besser zu machen, als die anderen; Jemand, der zu den Leistungsträgern dieser Gesellschaft gehört; Jemand, auf den die Grundpfeiler einer kapitalistischen Gesellschaft setzt. Das ist gut, und solche Leute brauchen wir!
Dabei, scheint Hoeneß auch finanziell sehr erfolgreich mit seinen Tätigkeiten zu sein. Wie also kommt es, dass sich Menschen, die als Moralapostel und Vorbild auftreten, und mehr als genug Geld verdienen, sich dem Risiko aussetzen wegen Steuerbetrugs in den Knast zu wandern? Es ist die notwendige Natur der Gier, die ein erfolgreicher Unternehmer braucht, um in einem auf Konkurrenz basierenden System zu überleben. Es ist also eigentlich nicht verwunderlich, dass Menschen, wie z.B. auch Zumwinkel, es als ungerecht betrachten, wenn sie einen so großen Teil ihrer Einnahmen abgeben müssen - unabhängig davon wieviel sie absolut bekommen. Der notwendige Mut und die Gier von Finanzjongleuren, wie Hoeneß einer ist, macht aus einem Menschen einen Psychopaten, die das krankhafte Verhalten der Patienten geschlossener Anstalten in den Schatten stellen.

Die Infrastruktur der Fremdversorgung


Alle Politiker fordern regelmäßig ein gerechteres Steuersystem. Was aber gerecht ist, ist unklar, und lässt sich auch so schnell nicht feststellen. Dies liegt daran, dass man es nicht so einfach feststellen bzw. berechnen kann. Der bekannte Eingentumsbegriff unserer Gesellschaft ist geprägt von den Anfängen der Menschheit, als man Güter in einem System der vollständigen Selbstversorgung produziert, und gehandelt hat. Ein autonomes Überleben war der Normalfall.
Heute jedoch leben wir in einer komplexen Gesellschaft der Fremdversorgung. Ein bürgerlicher Lebensstil ist heute nicht mehr durch die Selbstversorgung zu gewährleisten, sondern wir sind alle auf ein komplexes System der Fremdversorgung angewiesen, dessen Grundlage der intensive Handel untereinander ist. Dieser Handel muss effizient funktionieren, wieso wir auf ein virtuelles Geldsystem angewiesen sind.
Ein Unternehmer, der in diesem System außerordentlich viel nominelle Geldwerte erhandelt, ist auf eine gesellschaftliche Infrastruktur angewiesen. Diese Infrastruktur beschränkt sich dabei nicht auf die technische Austattung eines Staates wie Straßen, Schulen, Wasserversorgung, Strom, sondern vor allem auch auf die menschliche Infrastruktur der Fremdversorgung. Es ist nur dann möglich große Gewinne mit einer Produktionsfirma zu erwirtschaften, wenn Abnehmer, die auf Fremdversorgung angewiesen sind, in Reichweite des Absatzmarktes vorhanden sind. Zu dieser erweiterten gesellschaftlichen Infrastruktur hat der Unternehmer nichts beigetragen, sondern er wurde ohne Verdienst in dieses effiziente System hineingeboren.

Demokratie: Kapitulation vor der Komplexität


Die Frage, wieviel des nominell erhandelten Geldwertes dem Unternehmer zusteht, ist rechnerisch nicht mehr zu ermitteln! Die (infra-)strukturelle Grundlage des unternehmerischen Erfolgs ist von einer Komplexität geprägt, die das menschliche Rekonstruktionsgehirn bei weitem übersteigt. Man ist also gezwungen sich als Gesellschaft auf ein Abgabemodell zu einigen das die Leistung des mutigen Leistungsträgers genügend würdigt. Dies ist eine allgegenwärtige Streitfrage, derer sich staatliche Gemeinschaften kontinuierlich konstruktiv stellen müssen. Es ist dabei wichtig, dass Vertreter aller Teilnehmer der Gesellschaft daran beteiligt sind, und mitwirken, und ihre Interessen verteidigen! Die Demokratie ist daher eine (noch) alternativlose Kapitulation des Menschens gegenüber der Komplexität seiner Gemeinschaft.

Eine Odyssee: Auf der Suche nach Steuergerechtigkeit


Auch wenn man eine gerechte Umverteilung durch Steuern als Mensch objektiv nicht festlegen kann, so ist man dennoch gezwungen eine Steuerentscheidung zu fällen. Bei nicht-deterministisch lösbaren Problemen haben sich Heuristiken mit einem kontinuierlicher Zieltest in der Praxis und in der Wissenschaft als erfolgreich herausgestellt.
Ziel: So wenig Steuern, dass Leistungsträger motiviert sind sich den Arsch abzuarbeiten, aber so viel wie möglich, damit die Gesellschaft als ganzes maximal davon profitiert [1]. Dies ist das Win-Win Ziel, da der Erfolg des Unternehmers nur dann möglich ist, wenn es eine funktionierende Bürgergesellschaft der Fremdversorgung gibt, und umgekehrt. Beides bedingt sich gegenseitig, wenn auch nicht hinreichend.
Die Politik ist also dazu verdammt kontinuierlich zu überprüfen, ob die Vermögensverteilung so ausgeglichen ist, dass es einen funktionierenden Binnenmarkt gibt. Das bedeutet, dass es nicht passieren darf, dass wir in Realgütern schwimmen, aber die Gesellschaft nicht in der Lage ist sie zu konsumieren, da die Verteilung des Umlauf-Geldes diesen notwendigen Wirtschaftskreislauf blockiert. Eine Gesellschaft, die dies besser meistert, wird die erfolgreichere sein. Folglich ist eine Konkurrenzsituation durch dezentrale mittelgroße Einheiten zielführend - zentralistische Planwirtschaft dagegen nicht.

Steuerprogression & und gefühlte Steuerlast


Aus dieser Erkenntnis folgt, dass die starken Schultern mehr tragen müssen, da sie mehr tragen können. Jedoch muss man bei der Konstruktion einer progressiven Steuer unbedingt berücksichtigen, dass alle Abgaben aufsummiert werden: Lohnsteuer, Konsumsteuer (Tabak), Mehrwertsteuer, Zinslast der Konsum Produkte, Krankenversicherung, Rentenversicherung usw. Wenn man den effektiven Steuersatz berechnet wird man erschrecken, denn dieser liegt bei der Mittelschicht bei über 75%! Die Mittel- und Unterschicht jedoch rebelliert nicht dagegen, da es ihr nicht bewusst ist, denn auf der Lohnabrechnung steht eine viel kleinere Zahl, die nicht der Realität entspricht.
Die tatsächliche Steuerlast hat also deutlich weniger Einfluss auf die gefühlte Steuerlast, als die nichts-sagende Zahl auf der Steuererklärung. Während sich die Unter- und Mittelschicht beim Gerechtigkeitsempfinden vor allem von den Realgütern, die sie sich leisten können, leiten lassen, so spielt diese Art der Ermittlung der Gerechtigkeit bei der Oberschicht und den Super-reichen keine Rolle, da sie sich eh bereits alles leisten können. Ihnen bleibt daher nur die Möglichkeit die Gerechtigkeit über Zahlenspielereien zu ermitteln. Die Psychologie spielt bei dem Empfinden zur Steuergerechtigkeit eine weitaus größere Rolle, als die zur Verf?gung stehende Nettosumme. Dabei ist sie doch die entscheidende!

Hoeneß, Menschen, steuern!, verstehen


Ich habe Verständnis, wenn sich jemand gegen eine hohe Steuerlast wehrt. Ich habe Verständnis wenn jemand versucht sein Geld vor den Steuern zu schützen. Gut finde ich das aber nicht!
Das Eingeständnis vom Verständnis aber führt dazu, dass man sich Gedanken machen sollte, wie man ein Steuersystem gestaltet, so dass es von vielen als gerecht empfunden wird, und somit die Bereitschaft erhöht Steuern zu zahlen. Man muss aus der Erkenntnis Früchte tragen, dass man mit kleineren Prozentzahlen an mehreren Stellen die gefühlte Steuergerechtigkeit erhöht. Man muss aber auch offensiv die Frage der Steuergerechtigkeit in der Öffentlichkeit in die Diskussion bringen. Man muss deutlich argumentieren, dass das nominell erwirtschaftete Geld nur eine virtuelle Zahl darstellt, die erst mal nicht den Anteil am Erfolg widerspiegelt. Auch wenn es für die Gesellschaft als Ganzes UND für den Unternehmer langfristig besser ist, wenn es einen Ausgleich durch Steuern gibt, so profitiert derjenige im Einzelnen mehr, wenn er es schafft diese Umverteilung zu umgehen. Auch wenn man für diese Denkweise Verständnis einbringen muss, so ist man dennoch gezwungen klare Gesetze und Strukturen zu schaffen, die diesen Missbrauch bekämpfen, und die Stabilität des Gesamtsystems wahren. Der Staat, der diesen Spagat besser schafft, wird der erfolgreichere sein. Deutschland ist das beste Fallbeispiel für diese Erkenntnis. Dies gilt es zu erhalten.

Das Digitale Zeitalter und seine Herausforderungen


Die industrielle Revolution war ein enormer Fortschritt für den Wohlstand der Gesellschaft. Jedoch hatte diese radikale Änderung unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens auch schwere Schäden für die Bürgergesellschaft durch Niedriglohn, Missbrauch und Armut zur Folge, die man nur langsam mit Gegenmaßnahmen z.B. durch Sozialsystem korrigiert hat. Die oben erläuterte Tatsache, dass Unternehmer langfristig auf eine funktionierende und wohlhabende Gesellschaft gegenseitig angewiesen sind, hat erst zu sozialen Verwerfungen geführt. Als Folge daraus hat sich eine globale Wirtschaftskrise im Teufelskreis manifestiert. Diese Verarmung hat über die Suche nach dem Sündenbock zu Weltkriegen und diktatorischen Faschismus geführt. Die radikale Korrektur dieser Fehlentwicklung u.a. durch die Einführung der sozialen Marktwirtschaft hat dann zu einem Wirtschaftswunder geführt. Der Erfolg ist aber nicht auf die kluge Planung zurückzuführen, sondern auf die Fähigkeit des Menschen konkrete Probleme mit sehr konkreten Ideen direkt zu lösen.

Aufhebung von Denkverboten und Alternativlosigkeiten


Die industrielle Revolution war nur ein erster großer Schritt zu einem komplexen System der Fremdversorgung. Die weitere Vernetzung durch die anonymen Finanzmärkte, sowie die digitale Revolution, hat die Effizienz unserer Gesellschaft massiv verbessert. Aber auch dieser Fortschritt, angetrieben durch die Droge des virtuellen Geldes, führt zu erheblichen Fehlentwicklungen, die den Wohlstand aller Schichten einer Gesellschaft gefährdet. Wir müssen uns diesen Herausforderung stellen, indem sich nicht nur die junge Bevölkerung kreativ Gedanken zu neuen Formen einer Gesellschaft machen. Die zahlenmäßige Überlegenheit der etablierten Alten wird uns zum Verhängnis bei der Umgestaltung unseres Zusammenlebens. Wir müssen also dafür Sorge tragen, dass alle Teile der Gesellschaft sich von ihren festen Denkmustern trennen, die auf Erkenntnissen eines veralteten Systems beruhen, das nicht mehr der Realität entspricht. Ich fordere daher dazu auf, sich offen und konstruktiv mit "absurden" Themen wie dem Grundeinkommen zu beschäftigen. Ebenfalls muss man sich dringend sowohl mit alternativen Geldsystemen beschäftigen, als auch mit neuen Formen der Demokratie, oder sogar ganz anderen Formen der Politik.

Aufruf zur Rebellion


Man muss erkennen, dass das intellektuelle Geblabbere nur einen verschwindend geringen Anteil beim Wandel der Gesellschaft einnimmt. Die Menschen müssen wieder lernen für ihre Interessen einzutreten, und sich nicht durch Burger & Gameshows beruhigen lassen. Ich rufe daher zu einer gesunden Rebellion auf, das sich gegen die Ausbeutung durch das anonymisierte Geldsystem zur Wehr setzt, indem man seine eigenen Interessen vertritt. So kann man hoffen, dass es in einem langen Prozess zu einem gesellschaftlichen Gleichgewicht kommt, das zum Wohle aller ist. Planwirtschaftliche Diktate von fernen Zentralregierungen lehne ich ab. Wir müssen innerhalb des global vernetzten Systems integrierte regionale Strukturen schaffen, indem die Komplexität überschaubar ist, und sich nicht Alternativlosigkeiten beim Scheitern eines Versuchs hervorbringen. Ich möchte meinen Teil beitragen, in dem ich Menschen über meinen Blog, als auch über viele persönliche Gespräche aufkläre. Eine absolut notwendige Bedingung für die Bewältigung der Probleme des digitalen Zeitalters betrachte ich die Aufklärung. Dafür benötigt man einen barrierefreien Zugang zur Bildung, und eine Förderung, die unabhängig von der sozialen Schicht der Eltern sich in der Praxis bewährt.

Yay!


[1] John Nash hat seinen Nobelpreis für das Nash Gleichgewicht bekommen. Dieses besagt, dass der uneingeschränkte Egoismus eben nicht das beste für den Einzelnen, und somit für die Gesamtheit ist, sondern der kooperierende Egoismus.
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